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Die unglaubliche Geschichte des Kaugummis

Der Drang, sich eine flexible Masse zwischen die Zähne zu schieben und darauf herumzukauen ist scheinbar so alt wie die Kultur der Menschen – doch wer hat`s eigentlich erfunden?

Es können eigentlich nur deutsche Auswanderer gewesen sein, die im Hamburger Hafen die beschwerliche Seereise nach Amerika antraten, im Proviantgepäck neben speziellen Fleischbrötchen mit globalen Karriereaussichten auch seeluftgetrocknete Dorschfilets – unschlagbar als Dauerkauware mit Nordseearoma gegen Langeweile, Reiseübelkeit und Heimweh. Oder waren es doch die spanischen Conquistadores, die es leid waren, immer nur auf aztekische Goldmünzen zu beißen und von den südamerikanischen Hochkulturen kurzerhand den Brauch übernahmen, sonnengetrocknete und in Kartoffelsuppe eingelegte Lama-Zungen zu kauen (die mutigsten der Krieger ließen übrigens das Lama dran)? Oder waren es doch wieder die Römer, die von ihren amourösen Ausflügen nach Ägypten jenen uralten Brauch ins Weltreich importierten, durch das Kauen angereicherter Pflanzenextrakte die kollegiale Nähe der jeweils zuständigen lokalen Gottheit zu erleben? Mal sehen.

Vorläufer des Kaugummis

Tatsächlich lassen sich Spuren des Kauens zäher, haltbarer Substanzen in einer Vielzahl von Kulturen weltweit nachweisen: Bereits prähistorische Frühkulturen des späteren europäischen Kontinents hinterließen ihre durchgekauten Batzen Das Geheimnis der Pyramiden – die Fugenmasse?unter der Tischkante der Geschichte und zeugten so vom vierten Grundbedürfnis des Menschen nach Schlafen, Essen – und vor der Paarung. Am fernen Ende der Welt kauten neuseeländische Maori, bekanntlich in Kriegszeiten dem gelegentlichen Kannibalismus zugetan, nachweislich das Harz des mächtigen Kauri-Baumes, gemischt mit aromatischen Kräutern – um auch nach dem Verzehr der besiegten Kriegsgegner einen frischen Atem zu gewährleisten. Maya und Azteken gewannen ihr tzicli aus dem Latex-haltigen Saft des Sapotill-Baumes, der auch mit seinen süßen Früchten herhalten musste, wenn der morgendliche Kakao mal wieder allzu bitter geraten war. So vielfältig wie die Verbreitung der Dauerkauware selbst war die Herkunft des Rohstoffs, der zur Herstellung mundgerechter Kauobjekte verwendet wurde. Als besonders wertvoll galt das biblische Harz des Pistazienbaumes, das im mediterranen Europa unter dem Namen mastix in aller Munde war und von wellness-orientierten Römern als Gewürz, von den Türken allerdings schon als mundhygienisch förderlicher Kaugummi-Vorläufer verwendet wurde.

Baumharz als frischere Alternative zur Friedenspfeife?

Das Kauen von aromatischem Fichtenharz war auch unter den nordamerikanischen Ureinwohnern die frischere Alternative zur Friedenspfeife. Im 19. Jahrhundert konnte jeder einfallsreiche Geschäftsmann ein Vermögen mit der Befriedigung noch so seltsamer Bedürfnisse seiner amerikanischen Landsleute machen – wenn er denn den Geschmack der Massen traf. Um das Rennen in die Mundräume von Kauboys und Indianern gegen die damals beliebten Kauriegel aus Paraffinwachs zu gewinnen, hätte das teure Naturprodukt Baumharz allerdings in Massenproduktion gehen müssen, was nicht gelang. 1869 kam das südamerikanische und etwas geschmacklose chicle aus Naturkautschuk über Mexiko in die USA, wo dann mehrere Pioniere an der geschmacklichen Aufwertung und weiterhin an synthetischen Alternativen zur kostspieligen Naturbasis Baumharz arbeiteten. Einer dieser einfallsreichen Herren war der New Yorker Thomas Adams, der nicht nur die Portionierung in vorgestanzter Streifenform etablierte, sondern mit seinem Lakritz-gewürzten Black Jack Chewing Gum erfolgreich den Geschmack seiner Landsleute traf.

William Wrigley Jr. und Marken für Kauboys

Der eigentliche Siegeszug des Kaugummis in die weltweiten Backentaschen aber nahm seinen Anfang in Chicago, als sich ein gewisser Seifenfabrikant namens William Wrigley Jr. der industriellen Herstellung der nunmehr synthetischen Kaumasse widmete und mit den Marken Wrigley`s Spearmint und Juicy Fruit nicht nur den Mundraum der Amerikaner, sondern eben auch die Wahrnehmung von Marke und Werbewirkung für sich eroberte: Er weckte erfolgreich Bedürfnisse, die vorher nebensächlich und ungerichtet waren. Standardisierte Produktions- und Verpackungsverfahren erleichterten die Expansion in Absatzmärkte, die erst mittels Reklame in Zeitungen und auf Plakaten geschaffen wurden. Wrigley gründete ein internationales Unternehmen auf der weichen grauen Masse – übrigens so einflussreich, dass der totale Kaugummi-Bann des Stadtstaates Singapur kürzlich zu Gunsten zuckerfreier Kauware aufgeweicht wurde, wie wir gleich sehen werden.

Kaugummi-Prohibition und die Kriminalisierung der klebrigen Kaumasse

Von 1992 bis 2004 hatte die reinliche Regierung Singapurs, bekannt für ihre unerbittliche Ahndung von Ordnungswidrigkeiten, ein absolutes Herstellungs- und Verkaufsverbot für Kaugummi ausgesprochen, weil neben Oberflächen des öffentlichen Raumes besonders die Türen der Metro regelmäßig mit gebrauchten Bubble Gums verklebt waren und kostenintesive Betriebsstörungen verursachten. Schließlich wissen Stadtverwaltungen weltweit, dass sich Kaugummi nicht nur in der Verpackung lange hält – daher auch die Ausnahme von der Kennzeichnungspflicht eines Mindesthaltbarkeitsdatums. Ausgespuckt haftet es bis zu fünf Jahre auf Gehwegen und anderen Oberflächen.

Doch da traditionell die USA global gegen die Barberei und für die Freiheit des Konsums eintreten, engagierten sich entspannt mit den Kaumuskeln mahlende Kongressabgeordnete für ein Ende der Kaugummi-Prohibition Singapurs – mit Erfolg. Der weltgrößte Produzent namens Wrigley`s dankte und nahm umgehend die Belieferung mit zuckerfreier Ware auf. Denn bislang dürfen im Stadtstaat nur gesundheitsfördernde Kaugummis wie Nikotin-Entwöhnungshilfen und zahnpflegende Produkte verkauft werden, und zwar nur in Apotheken und unter Registrierung der Personalien des Käufers. Der Genuss reinlicherer Rauschmittel wie Zigaretten und Prostitution unterliegt hingegen weiterhin keinerlei Beschränkungen.

Wirkung und gesundheitliche Aspekte des Kaugummi-Kauens

Kann das einstige Naturprodukt gesund sein, dessen Base heute aus Kunststoffen wie Polysobutylen, Weichmachern, Zucker(-ersatzstoffen), Antioxidantien und Aromen besteht? Scheinbar ja, denn abgesehen von Nikotin-Kaugummis entfalten andere Produkte ihre medizinische Wirkung weniger auf Grund spezieller Inhaltsstoffe, sondern vielmehr durch das Kauen an sich, bei dem über die Kiefermuskulatur die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirnes angeregt wird. Die zahnschädigende Wirkung des Zuckers wird durch die mechanische Reinigungswirkung abgeschwächt. Noch zahnfreundlicher sind aber jene zuckerfreien Varianten, die mittlerweile über 80% des deutschen Verbrauchs ausmachen. Weiterhin kann das rythmische Kauen bei der Rauchentwöhnung helfen, nachweislich die Konzentration steigern und hat sich auch als Gegenmittel bei Druckbeschwerden während Flugreisen bewährt. Und auch die Hamburger Schiffspassagiere hätten Recht behalten, denn Kauen fördert die Speichelproduktion und beugt Reiseübelkeit vor.

Übrigens entspricht die alte Pädagogenwarnung des innerlichen Verklebens beim Verschlucken nicht der Wahrheit, denn Kaugummis gehen unverdaut den gleichen Weg wie ehemalige Nahrung und finden intern nicht jene Anknüpfungspunkte wie etwa auf einer Parkbank in Singapur.


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